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Was ich bedenken will

›Im Focus das Leben‹ lautet das Motto der Universität zu Lübeck. Studieren ist mehr als nur fachbezogenes Lernen. Die Studienzeit dient auch der Orientierung in Kultur und Gesellschaft und der Schärfung des Bewusstseins von Werten. Im Einklang mit dem Leitbild der Universität zu Lübeck haben im Auftrag ihrer Präsidentin Studierende, Lehrende und Mitarbeiter einen Kanon von Haltungen und Werten erarbeitet. Es sind fünf Sätze der Selbstermutigung zum verantwortungsvollen Denken und Handeln. Die Universität zu Lübeck wünscht sich, dass Sie die folgenden Gedanken während Ihres Studiums im Herzen bewegen und wird Anlässe zum gemeinsamen Austausch darüber anbieten.

Ich möchte die Würde aller Menschen achten; weder Alter, noch Krankheit oder Behinderung, weder Konfession, noch ethnische oder nationale Zugehörigkeit, weder Geschlecht noch sexuelle Orientierung, weder politische Haltung noch soziale Stellung sollen mich beeinflussen.

Mein Lernen, meine Forschung, meine Lehre, meinen Dienst möchte ich gewissenhaft ausüben, mit Respekt vor allen, die vor mir waren, mit Aufmerksamkeit gegenüber denen, die mir anvertraut sind, und mit Weitblick für jene, die nach mir kommen.

Im Bewusstsein meiner gesellschaftlichen Verantwortung möchte ich den sozialen und politischen Wandel aufmerksam verfolgen, ökologisch achtsam handeln, Kunst, Kultur und Bildung pflegen und fördern und mich mit Leidenschaft für Gerechtigkeit und Toleranz einsetzen.

Mein aufrichtiges Streben nach Wahrheit und Menschlichkeit möchte ich durch politische oder ökonomische Interessen nicht beugen lassen.

Verschwiegenheit und Vertraulichkeit möchte ich wahren und schützen, Kollegialität, Teamgeist, Freundschaft und gutes Benehmen pflegen.


Kommentare

Studiengangsleiter Prof. Dr. Jürgen Westermann

An den Universitäten herrscht vermehrt ein großer Erfolgs- und Leistungsdruck. Das birgt die Gefahr, dass der Einzelne zu vergessen droht, dass neben Studium, Forschung, Lehre und Krankenversorgung auch das Wahrnehmen der Verantwortung für die Gesellschaft und für sich selbst eine Kernaufgabe der Universität und ihrer Mitglieder ist. Unsere Initiative zielt darauf ab, diesen Aspekt im Campusalltag der Universität zu Lübeck deutlich sichtbar zu verankern.

Dazu trafen sich erstmals im Juni 2017 Studenten, Dozenten und Mitarbeiter aus den Sektionen Medizin und MINT mit Vertretern von St. Petri und dem UKSH, um Inhalte und Werte zu identifizieren, die im Unialltag regelmäßig eine Rolle spielen sollten. Nach sieben internen Sitzungen und der Vorstellung des Projektes in Lehrveranstaltungen, im Studierendenparlament, im AStA und den Senatsausschüssen waren Text und Konzept soweit, dass sie der Präsidentin vorgelegt werden konnten. Im September 2018 befürwortete das Präsidium das Projekt und entschied, es schon im Oktober für die Begrüßung der Erstsemester in der Universitätskirche St. Petri umzusetzen, was mit großem Erfolg geschah.

Seitdem spielte der Text bei der Einführung der Medizinstudenten in die Klinik, bei einem Diskussionsabend des AStA und der Verabschiedung der Absolventen im Januar 2019 eine wichtige Rolle. Und es geht weiter: Im Mai 2019 wird sich die Arbeitsgruppe treffen, um weiter darüber nachzudenken, wie der in den universitären Alltag eingebaute Bezug auf ›Was ich bedenken will…‹ zu einem ›Lübecker Versprechen‹ werden kann, nämlich in Forschung, Lehre und Krankenversorgung nicht nur erfolgreich zu sein, sondern dabei auch gewissenhaft, tolerant und menschlich zu bleiben.

Stellv. AStA-Vorsitzender Jonas Schöttler

›Was ich bedenken will‹ (WIBW), ein Konzept, das das Leitbild der Universität – inhaltlich hervorragend, textlich vielleicht etwas sperrig – in lebendiger Weise in den Uni-Alltag integrieren soll. Zur Ausarbeitung trafen sich über zwei Jahre Vertreterinnen und Vertreter der Universität. In der letzten Hälfte, die ich begleiten durfte, haben wir oftmals über Kleinigkeiten diskutiert, uns gelegentlich im Kreis gedreht und auch Schritte rückwärts gemacht. Herausgekommen ist eine Idee, die es allen an der Uni ermöglichen kann, etwas abseits von ihrem jeweiligen Schwerpunkt, Dinge über Mitmenschen und sich zu erfahren. Dabei steht für mich weniger der Text im Vordergrund, der das Konzept formal repräsentiert, der das Ganze aber noch nicht ›lebendig‹ macht. Was den Unterschied ausmachen kann, sind Veranstaltungen, bei denen sich alle Ebenen der Uni begegnen, um über Themen (nicht wissenschaftlicher Natur) zu reden. Studierende bekommen Einblicke in das Werden ihrer Profs und diese lernen neue Standpunkte und Ansichten durch Studierende kennen. ›WIBW‹ hat zum Ziel, das Wissenschaftliche etwas in den Hintergrund zu stellen und sich mehr mit der Frage nach dem Wie und Warum zu beschäftigen. Dies kostet Zeit, die wir uns aber nehmen sollten, um der Sache Ausdruck zu verleihen und uns und ›WIBW‹ ständig weiterzuentwickeln.

Pastor Dr. Bernd Schwarze

Es ist eine kleine Zumutung für die Erstsemester am Begrüßungstag in der Universitätskirche. Wenn am Eingang von St. Petri die Präsidentin, der Studiendekan und Vertreterinnen des ASTA jeden und jede mit Handschlag begrüßen und ihnen ein schön gestaltetes Blatt überreichen. Was ich bedenken will, steht da geschrieben und lädt offenbar ein zu eigener Reflexion. (Diese Zumutung ist sogar beinahe eine Unterstellung, denn woher sollte man wissen, ob und was diese jungen Menschen bedenken wollen?) Darunter, in feierlicher Sprache, aber etwas vorsichtiger mit ich möchte eingeleitet: kluge Gedanken zur Haltung, zur Lebenseinstellung. Im Inhalt gleichen sie dem Leitbild der Universität. Ein kleiner Text wird den Neuen anvertraut, in dem es um Würde, Respekt, Verantwortung und Wahrhaftigkeit geht. Große Worte, die anscheinend Selbstverständliches benennen. Was aber versteht sich schon von selbst?

Ein Hinweis sollen diese Worte sein, eine Ermunterung, die Tragweite des akademischen Lebens zu bedenken. Die Spielräume zu erkunden in Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur und dabei stets dem Leben zu dienen. Eine Gesprächsgrundlage, nicht nur für die Erstsemesterbegrüßung, sondern für ein ganzes Studium bis zum festlichen Abschluss in der Universitätskirche. Nicht nur für Studierende, sondern für alle Angehörigen der Universität. Und für den Austausch untereinander. Was ich bedenken will. Eine Unterstellung? Ja, aus gutem Glauben. Eine Zumutung? Schon, aber eine sehr liebevolle.