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Neu-Aufstellung der Erinnerungskultur in Lübeck

Dienstag, 13.09.2022

Foto: Sigrid Susanne Awe

ZKFL an Konzepterstellung beteiligt

Auf seiner Sitzung am Montag, 12.09., hat der Kulturausschuss der Lübecker Bürgerschaft ein Konzept und einen dazu von der Verwaltung vorgelegten Beschlussvorschlag zur Neu-Aufstellung der Erinnerungskultur in Lübeck beraten und diskutiert. Das Ergebnis: Der Kulturausschuss empfiehlt der Bürgerschaft einstimmig die Einrichtung einer Stabsstelle „Erinnerungskultur“ im Fachbereich Bildung und Kultur. Grundlage für die Empfehlung ist das Konzept für eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Erinnerungskultur in Lübeck „Lübeck erinnert – um Demokratie zu leben“, das die Hansestadt gemeinsam mit dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (ZKFL) und mit finanzieller Unterstützung durch die Bluhme-Jebsen-Stiftung, die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten und die Dietrich-Szameit-Stiftung im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hatte.

Diese Studie wurde von der Politikwissenschaftlerin und Kuratorin Frau Dr. Claudia Fröhlich aus Berlin durchgeführt und benennt Stärken und Potenziale, aber auch Herausforderungen und Schwächen der in Lübeck bereits verankerten Erinnerungsarbeit an die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer von Unrecht und Gewalt haben in der Hansestadt Lübeck einen festen Platz. Hervorzuheben sind neben den beiden Gedenkstätten an die „Lübecker Märtyrer“ z.B. die seit 1991 jährlich stattfindende „Zeit des Erinnerns – für die Zukunft“, mehr als 220 verlegte Stolpersteine, zahlreiche Gedenkorte, Gedenktafeln (zuletzt für die Opfer der sog. Euthanasie) und Ausstellungen (z.B. zu Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk, zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Synagoge oder zur Zeit des Kalten Krieges und der deutschen Teilung in der Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup). Aber viele für die Hansestadt Lübeck prägende Ereignisse, familiärer Widerstand oder Täter-Orte der Geschichte des Nationalsozialismus werden nicht erinnert. Nicht zuletzt wird auch das Thema der Kolonialgeschichte und den in Lübeck zahlreich vorhandenen Spuren zu berücksichtigen sein.

Was nun geschieht

Ein erster Schritt ist aktuell in der gemeinsamen Ausstellung von Völkerkundesammlung und Geschichtswerkstatt in Herrenwyk gemacht worden. Erinnerung und Gedenken werden vor allem von ehrenamtlichen Initiativen und Vereinen, den Kirchen, Stiftungen, Lehrerinnen und Lehrern sowie  Schülerinnen und Schülern getragen und gestaltet. Dieses ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement zeichnet die Lübecker Stadtgesellschaft aus. Es wird bislang vor allem ideell von der Stadt unterstützt und nur punktuell finanziell gefördert. Erinnerungskultur in Lübeck ist deshalb abhängig von einzelnen Personen und vielfach mit einer Generation verbunden, die altersbedingt bald nicht mehr so aktiv sein kann. Sie ist zudem wenig koordiniert, mögliche Synergieeffekte werden nicht genutzt, Initiativen und Projekte werden nicht nachhaltig betrieben, entwickelte Ideen nicht gesichert und angestoßene Projekte nicht dauerhaft realisiert. Das Grundlagenkonzept bietet Perspektiven für eine ab 2023 ins Werk zu setzende Neuausrichtung der Erinnerungskultur in Lübeck mit dem Ziel der Demokratiestärkung. Diesen Weg haben andere Städte bereits beschritten. Es geht darum, das Gedenken in Lübeck ausgehend vom Bestehenden und unter Nutzung von Beispielen guter Praxis andernorts gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert zu gestalten. Dabei hat das Gedenken an die Opfer des menschenverachtenden Regimes in der Zeit des Nationalsozialismus einen hohen Stellenwert, aber auch Lübecks Geschichte als Schauplatz der innerdeutschen Teilung sowie des Kalten Krieges, die Kolonialgeschichte sowie demokratiefeindliche Ereignisse in der jüngeren Geschichte der Hansestadt sollen stärker erfahr- und vermittelbar werden.

Ziel des Vorhabens

Ziel ist ein erinnerungskulturelles Leuchtturmprojekt in Schleswig-Holstein, welches vielfältige Zugänge für Demokratiebildung und Demokratieförderung eröffnet. Die zeitgemäße Neuausrichtung und dauerhafte Stärkung der Erinnerungskultur soll gemäß Vorschlag der Verwaltung im ersten Schritt durch die Einrichtung einer Stelle für eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler im Fachbereich Kultur und Bildung gewährleistet werden. Hierüber sollen die erinnerungskulturellen Initiativen in der Stadt gebündelt, vernetzt und koordiniert werden. Unterstützt werden sollen zudem neue Formate des Gedenkens und der Zugänge zur Erinnerung, neue Akteurinnen und Akteure und neue Zielgruppen. Bestandteil des Konzepts und des Beschlussvorschlags sind die Einwerbung von Drittmitteln ab 2024 und digitale Vermittlungsstrategien, z.B. im Kontext des Aufbaus eines digitalen Kulturwerkes. Die Erinnerung an die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts und die Lehren daraus benötigen aus Sicht der Expertinnen und Experten eine Mitte und eine Säule. Zur Festigung der demokratischen Kultur soll daher ein für alle Lübeckerinnen, Lübecker und Lübeck-Besucher offener Vermittlungsort in zentraler Erreichbarkeit und Nähe zu Gedenkorten, zivilgesellschaftlichen Akteuren, Politik, Kultur- und Bildungsinstitutionen eingerichtet werden.

Monika Frank, Senatorin für Kultur und Bildung der Hansestadt Lübeck, erklärte hierzu: „Es freut mich sehr, der Bürgerschaft in der Hansestadt Lübeck dieses von der beauftragten Wissenschaftlerin und dem Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung mit großer Sorgfalt, Kompetenz und Begleitung durch einen sehr versierten Beirat erstellte Konzept vorlegen zu können. Mir ist wichtig, gemeinsam mit allen voranzukommen, die die Lübecker Erinnerungskultur seit Jahrzehnten aufbauten und sie maßgeblich tragen. Dem trägt das Konzept Rechnung, denn es geht vom Bestehenden aus. Allen, die dazu beitrugen, spreche ich meinen ausdrücklichen Dank aus. Sie stehen für eine historisch-politische Bildung in dieser Stadt, die mehr Unterstützung und Dynamik verdient hat, denn sie verfolgen das Ziel, die Stadtgesellschaft und ihre Besuchenden über unsere Geschichte mitzunehmen in eine Zukunft, die die Erinnerung an demokratie- und menschenfeindliche Zeiten sowie Ereignisse wachhält, damit sich diese nicht wiederholen.“

Ansprechpartner bei Rückfragen:

Prof. Dr. Cornelius Borck, Institutsdirektor des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck, Tel.:  0451 3101 3400, Mail: cornelius.borck@uni-luebeck.de


 

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