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Donnerstag, 28.05.2026

Gleichstellung

Väterbilder in der Wissenschaft

Podiumsdiskussion zum Thema "Väterbilder in der Wissenschaft - Chancen und Herausforderungen zwischen Geschichte und Gegenwart" (Fotos: Ann-Kristin Zoike / Uni Lübeck)

Zwischen Rollenbildern, Sorgearbeit und strukturellen Hürden

Die Frage nach Vaterschaft in der Wissenschaft ist weit mehr als ein Nischenthema – das machte die Podiumsdiskussion „Väterbilder in der Wissenschaft – Chancen und Herausforderungen zwischen Geschichte und Gegenwart“ am 26. Mai an der Universität zu Lübeck deutlich. Vielmehr berührt sie grundlegende gesellschaftliche Fragen von Gleichberechtigung, Sorgearbeit sowie Rollenvorstellungen und macht zugleich strukturelle Herausforderungen im Wissenschaftssystem sichtbar.

Nach der Begrüßung durch Prof. Moreen Heine, Vizepräsidentin für Transfer und Nachhaltigkeit der Universität zu Lübeck, diskutierten die Historiker Prof. Dr. Andreas Gestrich und Dr. Stefan Wolle, Maximilian Schneider von Gesicht Zeigen! e.V. sowie Geschlechterforscherin Dr.in Birgit Stammberger auf dem Podium. Prof. Dr. Christian Herzog, Prof. für Ethische, Rechtliche und Soziale Aspekte der KI, moderierte die Veranstaltung.

Sorgearbeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Ein zentrales Motiv der Diskussion: Vaterschaft darf nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr gehe es um die gerechte Verteilung von Sorgearbeit insgesamt. Birgit Stammberger betonte, dass es „Väter in der Wissenschaft“ schon immer gegeben habe. Statt einzelne Rollenbilder normativ aufzuwerten, brauche es eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über plurale Lebensentwürfe. Dass Vaterschaft und Sorgearbeit heute anders diskutiert werden als noch vor Jahrzehnten, sei nicht zuletzt Ergebnis der Frauenrechtsbewegung, die tradierte Rollenzuschreibungen grundsätzlich infrage gestellt habe. Die Diskussion um Rollenbilder sei daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Historische Rollenbilder

Dass Rollenbilder wandelbar und gesellschaftliche Konstruktionen sind, verdeutlichte der historische Blick von Andreas Gestrich. Er verwies darauf, dass Väter zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus als aktiv in Erziehung und Familienleben eingebunden waren, bevor sich später biologisierte und hierarchische Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verfestigten. 

Auch die DDR wurde in der Diskussion als widersprüchliches Beispiel beschrieben: Stefan Wolle verwies darauf, dass die Berufstätigkeit von Frauen in der DDR deutlich selbstverständlicher gewesen sei als in Westdeutschland. Gleichzeitig sei die Gesellschaft bis in politische Führungsstrukturen stark patriarchalisch organisiert geblieben.

Junge Männer zwischen Orientierung und Social Media

Mit Blick auf die Gegenwart lenkte Maximilian Schneider den Fokus auf junge Männer und deren Sozialisation. Jugendliche seien heute mit einer Vielzahl unterschiedlicher Rollenbilder konfrontiert – von progressiven Vorstellungen bis hin zu autoritären und antifeministischen Männlichkeitsbildern, die insbesondere über soziale Medien verbreitet würden. Insbesondere in Phasen persönlicher Unsicherheit könnten vereinfachende Männlichkeitsbilder aus der sogenannten „Mannosphäre“ Anziehungskraft für Jugendliche entfalten. Auch Trends wie „Luxmaxing“, bei denen teilweise extreme Selbstoptimierung, Status und äußere Inszenierung im Mittelpunkt stehen, stellten eine Gefahr für junge Männer dar.

Familie und Wissenschaft

Auch das Wissenschaftssystem selbst stand in der Kritik. Die Podiumsteilnehmenden waren sich einig, dass befristete Beschäftigungsverhältnisse, hoher Leistungsdruck und wenig planbare Karrierewege die Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Arbeit und Sorgeverantwortung erschweren würden. Gerade in Lebensphasen, in denen Familien gegründet oder Angehörige betreut werden, entstünden strukturelle Konflikte. Diskutiert wurden unter anderem Teilzeitmöglichkeiten, verlässlichere Karrierewege und institutionelle Unterstützung.

Die Veranstaltung machte deutlich: Die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie sowie die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen bleiben zentrale gesellschaftliche Zukunftsfragen. Universitäten können dabei nicht nur Orte wissenschaftlicher Forschung, sondern auch wichtige Räume für gesellschaftlichen Dialog und Reflexion sein. Die Universität zu Lübeck versteht es dabei nicht als ihre Aufgabe, bestimmte Familienmodelle vorzugeben, sondern Eltern – Mütter wie Väter – in unterschiedlichen Lebenssituationen bestmöglich zu unterstützen.

Auf dem Podium: Prof. Andreas Gestrich, Dr.in Birgit Stammberger, Prof. Christian Herzog, Dr. Stefan Wolle und Maximilian Schneider (v.l.n.r.)

Rund 45 Gäste verfolgten die Podiumsdiskussion und nutzten im Anschluss die Möglichkeit zum Austausch.