Dr. Birgit Stammberger hat an der Universität Czernowitz in der Ukraine unterrichtet.
Mehr als 20 junge sowie erfahrene Forscher*innen, Kulturschaffende und Studierende haben sich vom 1. bis 9. August bei einer Summerschool der Forschungsinitiative „Transformative Research“ an der Universität Czernowitz ausgetauscht und Ideen für die Gestaltung der Zukunft der Ukraine entwickelt. Im Dialog ging es um eine globale Vision einer Welt humanen Handelns, wie es auf der Homepage heißt.
In diesem Jahr stand das Thema „Collective Action: Intentions & Conditions“ im Fokus. Dr. Birgit Stammberger vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck hat zum Thema „Collective Agency and Feminist Epistemology Beyond Individualistic Frameworks: Rethinking Political Imagination and Epistemic Practices“ unterrichtet. Zugleich hat sie bei dem Teilprojekt „Bringing Gender into Science“ den Sonderforschungsbereich Sexdiversity vorgestellt und Perspektiven feministischer Epistemologie veranschaulicht. Wissenschaft ist immer ein kollektives Unternehmen, so ihre These, die besonders von der feministischen Epistemologie betont wird.
Angriffe aufs Erbe
Die Nationale Universität Czernowitz „Jurij Fedkowytsch“, 1875 auf dem Gelände einer ehemaligen griechisch-orthodoxen Metropoliten-Residenz gegründet, gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jeden Tag finden dort Führungen statt. Die Universität zu Lübeck hat eine Partnerschaft mit der Universität Czernowitz. Die Stadt gehört derzeit zu den sichereren Regionen in der Ukraine, aber auch dort habe es bereits Angriffe gegeben, und "Luftalarm gehört zum Alltag der Menschen", berichtet Dr. Birgit Stammberger.
Während der Summerschool fanden auch Treffen mit Kulturschaffenden vor Ort statt. Universitäts- und Stadtführungen vermittelten Einblicke in die reichhaltige Kultur der Bukowina. Bei einer Stadtführung mit Oxana Matiychuk, Leiterin des Zentrums „Gedankendach“, ging es auf den Spuren von Schriftsteller*innen und Dichter*innen durch die Stadt. In einer Stadt wie Czernowitz, erklärt die Literaturwissenschaftlerin, die im Laufe ihrer Geschichte immer wieder unter wechselnder Herrschaft stand, wurden dementsprechend auch die Straßennamen häufig geändert. Nur zwei Namen blieben über all die politischen Veränderungen hinweg bestehen: die Goethestraße und die Schillerstraße.
Deutsch-ukrainischer Austausch
Das 2009 gegründete Zentrum „Gedankendach“ ist ebenfalls an der Universität Czernowitz angesiedelt und ein wichtiges Kultur- und Wissenschaftszentrum. Es wird von Oxana Matiychuk geleitet und fördert die Entwicklung von Kultur und Wissenschaft in Czernowitz und der Ukraine durch den deutsch-ukrainischen Austausch. Seit 2022 hat sie gemeinsam mit Kolleg*innen die Bukowinahilfe aufgebaut, eine Hilfsorganisation, die auch aus Deutschland unterstützt wird. Oxana Matiychuk hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für die Süddeutsche Zeitung das „Ukrainische Tagebuch“ geschrieben.
„Der Kontakt und die Diskussionen mit ihr haben mir gezeigt, was der Krieg dort bedeutet“, sagt Dr. Birgit Stammberger nach ihrer Rückkehr in Lübeck. „Für mich ist derzeit die Wissenschaft nebensächlich“, habe Oxana Matiychuk zu ihr gesagt. Matiychuk koordiniert die seit 2022 die humanitäre Hilfe. Über 80 Prozent der ehemaligen Kollegen seien derzeit im Krieg und die Kapazitäten für Forschung und Wissenschaft seien damit massiv beschnitten, erzählt Dr. Stammberger.
Aus der Summerschool an die Front
In vielen Gesprächen konnte sie die Menschen und ihr Engagement in der Ukraine kennenlernen. Ein Teilnehmer, ein Historiker aus Dnipro, scannt in seiner Freizeit unentgeltlich die Archivalien und Quellen ein, um das kulturelle Erbe vor Bombeneinschlägen zu erhalten. Ein anderer Teilnehmer, ein Sozialwissenschaftler aus Saporischschja, konnte nur zwei Tage an der Summerschool teilnehmen, weil er dann an die Front zurückkehren musste. Er hat sich freiwillig für das Militär gemeldet und kämpft seit 2023 gegen die russischen Invasoren. Die Möglichkeit, zwei Tage an der Veranstaltung teilzunehmen, war ihm wichtig. Er brauche den intellektuellen Austausch. Seine Arbeit fokussiert sich derzeit auf die Entwicklung digitaler Tools für community-basierte Entscheidungsprozesse in lokalen Kontexten. Die Namen der Teilnehmenden werden aus persönlichen Gründen anonym gehalten.
Dr. Birgit Stammberger hat während ihres Aufenthalts Tagebuch geführt, sie schreibt über ihre Abreise: „Wir kommen abends um 1:45 Uhr am Hauptbahnhof in Lwiw an. Mit uns reist Sofia, eine junge Ukrainerin, die von dort aus weiter nach Portugal fährt. Der Zug aus Kyjiw kommt pünktlich in Lwiw an – unglaublich, wenn man bedenkt, wie viele Bomben, Drohnen und Raketen gerade über der Hauptstadt niedergehen.
Wie immer wirken die Menschen im Zug und auf dem Bahnsteig erschöpft. Im Zug sprechen wir mit einer Ukrainerin, die seit der Full-Scale-Invasion mit ihren beiden Söhnen in Krakau lebt. Nach zwei Jahren ist sie zum ersten Mal wieder zu Hause gewesen, in dem Dorf ihrer Eltern in der Nähe von Kyjiw. Die Ukraine habe nicht genug Luftabwehr. Solche heftigen Angriffe habe sie bisher noch nicht erlebt. Seit viereinhalb Jahren dauert dieser Krieg. Diesmal sei ganz in der Nähe ihres Hauses eine Rakete eingeschlagen. Die Wände hätten gezittert – und sie selbst auch. Sie habe schon öfter darüber nachgedacht, in die Armee zu gehen. Aber ihre Mutter sei zu alt, um sich um die Kinder zu kümmern. Sie fühle sich schuldig, dass sie ihre Kinder mitgenommen habe. Hoffnung habe sie noch, sagt sie, aber sie sei auch sehr verzweifelt.“
Im Dialog bleiben
Die Begegnungen mit den Menschen vor Ort – mit Wissenschaftler*innen und Forschenden ebenso wie mit Kulturschaffenden – haben vor allem eines gezeigt: Alles Tun sei dort vom Krieg bestimmt. „Wir möchten nicht in einem Land leben, das vom Militär bestimmt wird“, sagte eine der Teilnehmer*innen. Auch die 22-jährige Ivanna, die gerade ihren Bachelor in Politikwissenschaften abgeschlossen hat, sagte in einem Interview, dass sie sich nie habe vorstellen können, als Soldatin für ihr Land zu kämpfen. Nun habe sie sich freiwillig für die Front gemeldet.
Die Reise in die Ukraine war für Stammberger mehr, als nur an einer Summerschool zu lehren. „Das war mir von Anfang an bewusst“, sagt sie. Gerade unter den Bedingungen des Krieges seien Kollaboration, Miteinander und Austausch besonders wichtig. Wissenschaft habe dabei eine besondere Aufgabe: Sie schafft Räume für Austausch, ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen, und kann so dazu beitragen, dass Menschen auch unter den Bedingungen des Krieges im Dialog zu bleiben.