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Donnerstag, 03.09.2026

Forschung

Krisenvorsorge in Reinfeld und Nordstormarn: Nicht Wissen, sondern Zutrauen entscheidet

Forschungsprojekt KOMPAKT112 legt Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung vor, rund sechs Prozent der Erwachsenen beteiligten sich.

Wie gut sind die Menschen in Reinfeld und im Amt Nordstormarn auf einen längeren Stromausfall vorbereitet, auf ausgefallene Mobilfunknetze oder auf eine Lage, in der Hilfe nicht sofort verfügbar ist? Das Forschungsprojekt KOMPAKT112 der Universität zu Lübeck hat genau das erhoben und legt jetzt Ergebnisse vor, die eine verbreitete Annahme der Vorsorgekommunikation, wie z.B. das Faktenwissen, infrage stellen.

An der Befragung beteiligten sich 891 Erwachsene, davon 727 online und 164 auf Papier, zusätzlich 115 Jugendliche. Das sind rund sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung beider Kommunen. Vergleichbare bundesweite Erhebungen erreichen 0,1 bis 0,2 Prozent. Grundlage ist ein Fragebogen, den Fachleute aus Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Verwaltung, Politik, Bundeswehr, Kirche und Wissenschaft in einem dreistufigen Verfahren gemeinsam entwickelt haben. Die Methodik wurde zuvor international begutachtet und in der Fachzeitschrift Frontiers in Public Health veröffentlicht.

Zentrale Erkenntnisse

Der zentrale Befund lautet: Über tatsächliches Vorsorgeverhalten entscheidet nicht das Faktenwissen, sondern das Zutrauen, im Ernstfall handlungsfähig zu sein. Während dieses Selbstwirksamkeitsgefühl deutlich mit dem Vorsorgeverhalten zusammenhängt, ist dagegen das reine Faktenwissen vernachlässigbar. Ältere Menschen sind ebenso gut wie jüngere informiert, setzen ihr Wissen aber seltener um. Es fehlt also nicht am Wissen, sondern am Handeln und Tun. Zugleich zeigt sich eine bemerkenswerte zivilgesellschaftliche Substanz. 53 Prozent der Befragten sind bereits ehrenamtlich engagiert.

„Die Ergebnisse dieser Umfrage zeigen klar, wo die Informationsarbeit im Bevölkerungsschutz ansetzen muss: Reine Wissensvermittlung reicht nicht aus. Die Menschen müssen überzeugt sein, dass sie ihr Wissen in einer Krise gezielt einsetzen können“, sagt Magdalena Finke, Innenministerin des Landes Schleswig-Holstein. „Ich bin sicher, dass die gewonnenen Erkenntnisse die zukünftige Bevölkerungsschutzbildung nachhaltig prägen und weiterentwickeln werden.“

Wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind, zeigt eine Typologie. Die „Lokal Verankerten“ (27,5 Prozent) sind eng in der Nachbarschaft eingebunden, wissen über Vorsorge aber unterdurchschnittlich Bescheid. Die „Operativen Akteure“ (24,5 Prozent) bringen hohe Engagementbereitschaft und häufig einen Bezug zu Feuerwehr, Hilfsorganisationen oder Bundeswehr mit. Die „Wissens-Bürgerinnen und -Bürger“ (48,0 Prozent) sind gut informiert und trauen sich viel zu. Eine einzige Informationskampagne erreicht diese drei Gruppen nicht gleichermaßen.

Offengelegt hat das Projektteam auch, wen die Befragung nicht erreicht hat. Wer freiwillig teilnimmt, ist im Schnitt formal höher gebildet, älter und stärker organisiert eingebunden. Junge Erwachsene sind spürbar unterrepräsentiert. Der parallel eingesetzte Papierfragebogen erwies sich dabei als wirksames Gegengewicht. Über ihn wurden nachweislich jüngere und formal geringer qualifizierte Menschen erreicht. Kommunalpolitisch am dringlichsten ist ein weiterer Befund. Haushalte mit pflegebedürftigen Angehörigen oder Menschen mit Behinderung verfügen seltener über eine netzunabhängige Energie- oder Wärmealternative als andere Haushalte (54 gegenüber 65 Prozent). Gerade dort, wo ein Stromausfall die schwersten Folgen hätte, ist die Eigenvorsorge am schwächsten.

„Die Ergebnisse sind spannend und aufschlussreich zugleich. Besonders wertvoll: Die gewonnenen Erkenntnisse über die verschiedenen Wege, Bürgerinnen und Bürger im Krisenfall zu erreichen, sind für die Amtsverwaltung Gold wert. Sie bilden eine fundierte Basis, um Warnung, Information und Unterstützung der Bevölkerung im Katastrophenschutz noch zielgerichteter und zuverlässiger zu gestalten“, so Hannes Radzuweit, Amtsleiter des Amtes Nordstormarn.

Perspektive und Maßnahmen

Die Ergebnisse werden in einer laienverständlichen Fassung an beide Kommunen übergeben und dort öffentlich vorgestellt. Für die Praxis leitet das Projektteam daraus ab, dass nicht weitere Broschüren wirken, sondern Übung, praktische Formate und sichtbare Vorbilder. Um möglichst viele zu erreichen, sind mehrere Zugangswege, parallel, digital, gedruckt und im persönlichen Gespräch vor Ort notwendig. Aus dem Datensatz entstehen zudem zehn wissenschaftliche Teilauswertungen, unter anderem zu Warnsystemen, Erste-Hilfe-Bereitschaft, ehrenamtlichem Engagement, der Rolle der Kirchengemeinden und sozialer Ungleichheit in der Vorsorge.

Aus einem der zentralen Befunde entsteht bereits das nächste Vorhaben. Weil die Bereitschaft zur Mitwirkung deutlich größer als die Zahl der organisiert Eingebundenen ist, richtet sich das Folgeprojekt gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg und der TH Deggendorf gezielt an Studierende und Auszubildende der Gesundheitsberufe und der Psychologie.

„Der wichtigste Satz unserer Auswertung ist unbequem: Nicht Unwissen ist das größte Problem, sondern der Abstand zwischen Wissen und Handeln. Genau dort muss kommunale Vorsorgearbeit ansetzen und genau dort können wir jetzt erstmals mit Zahlen aus der eigenen Region statt mit bundesweiten Durchschnittswerten argumentieren“, sagt Projektleiter PD Dr. Klaas F. Franzen von der Universität zu Lübeck.

Hintergrund

KOMPAKT112 (Kommunaler Präventions- & Katastrophenschutz) ist ein Forschungsprojekt der Universität zu Lübeck in Partnerschaft mit der Stadt Reinfeld (Holst.) und dem Amt Nordstormarn. Mit einem im Delphi-Verfahren entwickelten Fragebogen wurden unter Beteiligung von Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Kommunalverwaltungen, Bundeswehr, Kirche und Wissenschaft Wissensstand, Vorsorgeverhalten und Mitwirkungsbereitschaft der Bevölkerung im Bevölkerungsschutz erfasst. Aus den Ergebnissen leitet das Projektteam konkrete Handlungsempfehlungen ab und begleitet die Partnerkommunen aktiv bei deren Umsetzung. Das Projekt wird aktuell aus eigenen Mitteln der Universität zu Lübeck getragen.

Kontakt

Pressekontakt und weitere Informationen
Projekt KOMPAKT112 – Universität zu Lübeck, Medizinische Klinik III
PD Dr. med. Klaas F. Franzen, MBA, MaHM
+49 451 500 75562 / +49 160 99 75 72 38
klaas.franzen(at)uni-luebeck(dot)de
https://www.kompakt112.de