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Donnerstag, 29.01.2026

Forschung

Fragebogen zu psychischen Belastungen bei Musizierenden

Dr. Stine Alpheis (von links), Prof. Daniel S. Scholz und Christine Sickert aus der Arbeitsgruppe Musizierendengesundheit (Foto: privat)

Das regelmäßige Messen von negativen Faktoren soll es ermöglichen, rechtzeitig Präventionsmaßnahmen ergreifen zu können

Forschende der Universität zu Lübeck und der Musikhochschule Lübeck haben einen Screening-Fragebogen zur Messung von psychischem Stress bei Musizierenden entwickelt, er trägt den Titel „The Lübeck Inventory on Musicians’ Psychological Stress“ (kurz LIMIT). Dieser soll kein Diagnostik-Instrument darstellen, sondern vielmehr eine Verlaufsmessung für psychische Belastung ermöglichen.

Da Musizierende und besonders Berufsmusiker*innen oder Musikstudierende im Alltag andere psychische Belastungsfaktoren erleben als die Allgemeinbevölkerung, wurde der Fragebogen speziell für diese Gruppe von Menschen entwickelt, sodass bei einer lang anhaltenden Belastung entsprechend Maßnahmen für das psychische Wohlbefinden ergriffen werden können.

Die Studie zu dem Thema wurde kürzlich veröffentlicht. Beteiligt sind Christine Sickert, Dr. Stine Alpheis und Prof. Daniel S. Scholz aus der Arbeitsgruppe Musizierendengesundheit von Universität zu Lübeck und Musikhochschule Lübeck sowie Prof. Jonas Obleser aus dem Institut für Psychologie I der Universität.

"Besonders Berufsmusizierende und Musikstudierende erleben in ihrem Alltag psychischen Stress, der bisher von herkömmlichen Fragebögen zur Beurteilung psychischer Belastung nicht ausreichend und nicht spezifisch genug erfasst wird. Der neue Fragebogen LIMIT bietet nun die Möglichkeit, für regelmäßige Verlaufsmessungen von psychischen Belastungsfaktoren, um rechtzeitig Präventionsmaßnahmen ergreifen zu können und die eigene psychische Gesundheit zu schützen“, sagt Christine Sickert, sie ist Erstautorin der Studie.

Existenzielle Fragen

Bisher gebe es zwar psychologische Fragebögen, die sich selektiv mit der Gesundheit am Arbeitsplatz, psychischen Belastungsfaktoren im täglichen Leben oder Belastungen durch psychosoziale Aspekte beschäftigen, erläutern die Autor*innen. Musizierende und besonders Berufsmusiker*innen bzw. Musikstudierende würden aber durch diese Fragebögen oft nicht ganzheitlich in den betreffenden belastenden Faktoren angesprochen werden.

Sie erleben z. B. psychischen Stress durch existenzielle Fragen, wie das Problem eines relativ kleinen Arbeitsmarktes für Berufsmusiker*in bei viel Konkurrenz, Geldsorgen, Auftrittsangst, die am Ausführen des gewählten Berufes hindert, Schmerzen beim Musizieren, aber auch soziale Faktoren, wie Vernachlässigung von Freundschaften oder Familie, da der Lebensunterhalt als Freiberufler*in verdient werden muss.

Zugleich fehle es oft an anderen ausgleichenden Aktivitäten, da das ehemalige Hobby zum Beruf gemacht wurde. Diese Aspekte vereint nun LIMIT als erstes Messinstrument von psychischem Stress bei Musizierenden.

„Wir möchten Musizierenden aller Niveaus die Möglichkeit geben, mit dem LIMIT-Fragebogen ihre psychische Belastung zu beobachten und diese selbst einschätzen zu können“, sagt Christine Sickert. Dabei soll der LIMIT nicht als Diagnoseinstrument verwendet werden. Vielmehr soll eine Verlaufsbeobachtung verschiedener psychischer Belastungsfaktoren möglich sein, sodass rechtzeitig Maßnahmen zur Prävention ergriffen werden können. Somit kann in Zukunft die hohe Prävalenz psychischer Erkrankungen gesenkt werden. Unter Prävalenz wird die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt verstanden.

Die Forschenden empfehlen eine regelmäßige Anwendung des Fragebogens an Musikhochschulen zum Semesterstart. So könne zum einen für jede/n Studierende/n eine Verlaufsbeobachtung erstellt werden und die Studierenden könnten rechtzeitig präventive Angebote in Anspruch nehmen. Die regelmäßige Auswertung über viele Semester hinweg ermöglicht zudem die Schaffung zugeschnittener Angebote für die jeweiligen Studierenden. So kann festgestellt werden, in welchem Semester welcher Faktor als besonders belastend empfunden wird und Seminare, Tutorien und Vorlesungen können diese Inhalte in den jeweiligen Studiensemestern konkret bearbeiten.

Es gibt aktuell Planungen, dass der Fragebogen in diesem Jahr an der Musikhochschule Lübeck an Studierende ausgeteilt wird.

In Berufsorchestern und für Freiberufler*innen sei eine Langzeitbeobachtung der eigenen psychischen Belastung ebenfalls ratsam, um möglichst lange den Beruf der/s Profimusikerin/s ausüben zu können und rechtzeitig präventive Maßnahmen zu ergreifen.

Auch Amateurmusizierende könnten den Fragebogen LIMIT regelmäßig bearbeiten, um ein Gefühl für die psychische Belastung durch das Musizieren zu bekommen. Dies scheint besonders ratsam, wenn die psychosozialen Faktoren zu Stressoren werden und die Musik neben dem "normalen" Beruf eine so große Rolle einnimmt, dass andere Dinge vernachlässigt werden.

Kontakt

Interessierte können sich bei Interesse an dem Fragebogen gerne an Christine Sickert wenden, sie hat auch eine direkt anwendbare Version.  
E-Mail: christine.sickert(at)mh-luebeck(dot)de